„VON BRETT UND BALKEN EIN ROHES THEATER“

Linien statt Punkte: Richard Wagner, das KANALSPIELHAUS ROTE FLORA & der nomadische Geist des Theaters

 

Man hat nur selten die Gelegenheit, das besetzte Rote-Flora-Gebäude in der Hamburger Schanzenstraße und den Komponisten Richard Wagner in einem Satz zu erwähnen. Hier folgt nun sogar ein ganzer Artikel über die beiden. Ermöglicht hat dies das KANALSPIELHAUS ROTE FLORA der Gruppe BALTIC RAW, welche als rot angepinselter Holzaufbau den Festivalgarten zierte. Bei dem Gebäude, welches leicht abstrahiert das Aussehen der „echten“ Roten Flora kopierte (spiegelte, zitierte), handelte es sich um eine „sehr soziale Plastik“ (so Berndt Jasper von BALTIC RAW in Anlehnung an Joseph Beuys). Nicht die Installationen selbst, sondern die Menschen, die darin zusammenkommen, stehen im Fokus. Es handelt sich um einen Möglichkeitsraum, in dem neben Barbetrieb auch die unterschiedlichsten Formate stattfinden können (Konzerte, Aufführunge, Filme, Diksussionen…) und der bewusst temporär gedacht wird, da er nach Ende des Festivals wieder abgebaut wurde. & an dieser Stelle kommen wir nun tatsächlich auf Richard Wagner, bzw. genauer gesagt auf Wagners nomadische Festspielidee. Es ist nicht mein Anliegen, aufzuzeigen, wie BALTIC RAW bewusst oder unbewusst Wagners Idee „geklaut“ hat (ich halte nichts vom Prinzip der Originalität), vielmehr möchte ich die Parallelen zu Wagners festival-Konzept aufzeigen, das erstaunlich wenig mit der oppulenten Inszenierungspraxis seiner Werke zu tun hat. [1] Doch von vorne: Wagners Grundproblem bestand darin, dass sich seine Vision eines neuen Inszenierungsstils (die durch der Ablehnung des überladenen Prunks à la Schloss Neuschwanstein bereits auf eine Überwindung des „Theaterrealismus“ durch Abstraktion verweist), sich in den existierenden Institutionen nicht verwirklichen ließ. Die Gründung & der Bau eines eigenen Theaters in Bayreuth scheinen daher nur folgerichtig. Doch Bayreuth steht noch heute, & Bayreuth mit dem KANALSPIELHAUS zu vergleichen ist natürlich Quatsch. Wir müssen noch einige Jahre vor dem Bau Bayreuths die ursprüngliche Idee Wagners betrachten. In einem Brief an seinen Freund Uhlig beschreibt der Dichter-Komponist ein Festspielkonzept, dessen nomadischer Charakter eindeutig zu Tage tritt: „Ich [würde] auf einer schönen Wiese bei der Stadt von Brett und Balken ein rohes Theater nach meinem Plane herstellen […] wer sich anmeldet und zu diesem Zwecke nach Zürich reist, bekömmt gesichertes Entrée, – natürlich wie alles Entrée: gratis! […] Ist alles in gehöriger Ordnung, so lasse ich dann unter diesen Umständen drei Aufführungen des Siegfried in einer Woche stattfinden: nach der dritten wird das Theater eingerissen und meine Partitur verbrannt. Den Leuten, denen die Sache gefallen hat, sage ich dann: ’nun macht’s auch so!’“ [3] Warum sich Wagner schließlich doch für den Bau des Festspielhauses in Bayreuth entschlossen hat & die im Brief geschilderte Idee verwarf, darüber kann nur spekuliert werden – vermutlich war auch dies ein Kompromiss unter den vielen anderen, die Wagner machen musste, wollte er seine Werke überhaupt auf einer Bühne sehen.

„Ich liebe die Punkte nicht, etwas auf den Punkt zubringen erscheint mir stupide.“ Gilles Deleuze

Das Dilemma des Theaters als Gebäude, als Ort, liegt in seiner Sesshaftigkeit: mit seiner Institutionalisierung wurde ein nomadischer Geist in eine Flasche gesperrt. Das ist keineswegs als Metapher gemeint – man denke an die lange Geschichte der Wanderbühne, an fahrende Komödiatentruppen, die von Stadt zu Stadt reisten, dort ihre Bühnen auf- & abbauten oder Marktplätze, Schaubuden, Hinterzimmer besetzten, sich also ständig de- & reterritorialisierten. [4] Theater schuf Ausnahme- und Möglichkeitsräume, & ließ sie, wenn ihr Potential erschöpft war, wieder verschwinden. Mit dem mit dem Aufkommen der Nationaltheater im 18. & 19. Jahrhundert wurden die Wanderbühnen von diesen verdrängt oder geschluckt. Natürlich ist die wichtige Rolle des Nationaltheaters als „Institut nationaler Identitätsbildung“, das in Deutschland über eine lange Zeit hin die Funktion eines „Nation-Ersatzes“ hatte, bekannt. [5] Doch in unserer Gegenwart, die vom Verlust sowohl einer Identität als auch des Ortes geprägt ist, scheint das Modell überholter denn je: Die institutionalisierten Theater fixieren Punkte, wo eigentlich Linien sein sollten, Linien, die beweglich sein müssen, um sich mit anderen Linien kreuzen zu können, ein agiles Theater, wie Ulf Schmidt es beschreibt. BALTIC RAW schafft ein solches Theater der Linien… Wagner hätte sich gefreut.

 

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[1] Auch wenn ich diesen Punkt hier nicht in aller Ausführlichkeit behandeln kann, möchte ich deutlich machen, dass Wagner (entgegen der noch heute verbreiteten Vorstellung) zeitlebens nach einer Einfachheit in der Formsprache suchte & „ein Ideal der Schlichtheit vertrat, weil er im Allgemeinen alles zu pompös, zu laut und ganz schrecklich fand“ (Alain Badiou, Fünf Lektionen zum „Fall“ Wagner, Zürich 2012, S. 26f.).

[2] Vor diesem Hintergrund scheint Cosima Wagners bühnenillusionistisches Repräsentations- und Ausstattungstheaters nicht nur vom „Willen des Meisters“ abzuweichen, sondern ihm geradezu konträr entgegenzustehen. Dennoch wurde seine beschriebene Gestalt auf dem „Grünen Hügel“ über die kommenden Jahrzehnte fixiert und so Teil des europäischen Theaterkanons. Es kann nur darüber spekuliert werden, ob die Aufladung von Wagners Opern mit einer fragwürdigen völkisch-nationalen Mythologie im Deutschen Kaiserreich und schließlich unter den Nationalsozialisten auch dann stattgefunden hätte, wenn die Musikwerke in der vom Dichter-Komponisten intendierten Form auf die Bühne gekommen wären.

[3] Richard Wagner an Theodor Uhlig (1822 – 1853), 22. September 1850. Der ganze Brief ist hier nachzulesen.

[4] „Erläutern lassen sich die Begriffe Re- und Deterritorialisierung vielleicht am Besten, indem wir den Protagonisten ihres Denkens, den Nomaden, zur Hilfe nehmen. Er deterritorialisiert sich immer aufs Neue, weil er sein Lager [Territorium] abbaut, um in die Wüste [Erde, terre] hinauszuziehen, sich seinen Weg zu einem neuen Ort zu bahnen, an dem er sich niederlässt [reterritorialisiert]“ Krause, Rölli, Mikropolitik, S. 37.

[5] Hans-Thies Lehmann, Das politische Schreiben. Essays zu Theatertexten, Berlin 2002, S. 13.

 

Blog von BALTIC RAW

 

(SBP)

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